Unser Expertenworkshop "EPP - verbinden, fügen und kleben" im Rahmen der imm cologne im Januar 2014 war ein voller Erfolg! Über 40 Teilnehmer informierten sich in den Fachvorträgen über innovative Verfahrenskombinationen, Klebeverfahren für Partikelschäume und neue Verbindungselemente. Schnell entwickelten sich im Anschluss an die Vorträge angeregte Diskussionen zwischen den Referenten und Teilnehmern.

Expertengespräch, Dr.-Ing. Erwin Bürkle

Mit Dr.-Ing. Erwin Bürkle konnte das EPP-Forum eine wahre Koryphäe der Branche als Vortragsredner gewinnen. Der promovierte und vielfach ausgezeichnete Maschinenbau-Ingenieur gilt als Brückenbauer zwischen Wirtschaft und Wissenschaft, als Innovator und Impulsgeber mit besonderem Gespür für neue Technologie-Trends. In seiner Keynote gab Dr. Bürkle einen breiten Überblick über die historische Entwicklung der Verbindungstechnologien unter besonderer Berücksichtigung des Spritzgießverfahrens.

Herr Bürkle, was hat Sie an der Teilnahme am Expertenworkshop des EPP-Forums gereizt? Welche Erfahrungen haben Sie im Austausch mit den anderen Referenten und den Teilnehmern gemacht?

Dr. Bürkle: Die Triebfeder zur Teilnahme war für mich als Spritzgießer:
- Der Blick über den Tellerrand - werkstofflich und verfahrenstechnisch gesehen und natürlich
- Die Einladung als "Branchenfremder" zum Eröffnungsvortrag vor einem Partikelschaum-Publikum. Die Erfahrungen aus der Diskussion waren für mich, dass noch große Potentiale für Anwendungen von EPP - speziell im heutigen Trendthema "Leichtbau" - offen liegen und dass es insbesondere noch Werkstoffverbunde-EPP mit anderen Werkstoffen zu entwickeln gibt.

Im Zentrum Ihrer Arbeit - früher bei KraussMaffei und heute bei Wobbe/Bürkle/Partner - steht immer die Vernetzung, das partnerschaftliche Zusammenwirken von Industrie und Wissenschaft. Auch das EPP-Forum widmet sich dem Aufbau von effektiven Partnerschaften und Netzwerken. In welchem Bereich sehen Sie noch Handlungsbedarf? Wo sind mehr Vernetzung und Kooperationen nötig?
Dr. Bürkle: Wie schon gesagt, große Potentiale sehe ich im Leichtbau und in der Elektromobilität. Besonderen Handlungsbedarf sehe ich in der Herstellbarkeit (Fertigungstechnologien) von Verbund- und Sandwichstrukturen. Hierbei stehen großserienfähige Produktionsverfahren im Vordergrund. Meines Erachtens sind dabei für eine schnelle Umsetzung neuer innovativer Fertigungsverfahren intensive, fächerübergreifende Kooperationen mit Spritzgießern und Umformern zwingend. Zudem wird es erforderlich werden, geeignete Hochschulinstitute für Basisentwicklungen zu finden und anwendungsorientierte Entwicklungspartnerschaften zu initiieren.

Wo sehen Sie die Vorteile von EPP - im Vergleich zu anderen Kunststoffen - bei der Verarbeitung bzw. Anwendung von Verbindungstechnologien?
Dr. Bürkle: Deutliche Vorteile liegen bei der Partikelschaumverarbeitung bei den niedrigen Prozesstemperaturen und -drücken. Dadurch öffnen sich neue Potentiale für die Integration von Einlegeteilen (z. B. sensible Sensoren, Aktuatoren, Chips, Leitungen u.a.) direkt im Prozess. Bei den Verbindungstechnologien wird man verstärkt über Zweikomponententechnologien (mit stoffschlüssigen und / oder formschlüssigen Wirkungsweisen) nachdenken, möglichst in einem "Einstufenprozess".

Wie, denken Sie, wird sich die Rolle und Bedeutung von EPP als vielseitiger und innovativer Werkstoff in Zukunft entwickeln?
Dr. Bürkle: In Zukunft kann sich EPP in erster Linie in Kombination mit anderen thermoplastischen Werkstoffen (unverstärkt oder faserverstärkt) zu ganz neuen und komplexeren Anwendungen hin entwickeln. Besonders wird man EPP kombiniert mit anderen Werkstoffen für funktionsintegrative intelligente Leichtbauteile einsetzen. Meines Erachtens wird in Zukunft EPP in einem Werkstoffverbund und mit der entsprechenden Prozess- und Produktionstechnik eine besondere Rolle spielen. Man denke beispielsweise an funktionale Oberflächen, thermische und akustische Trennungen, hoch-biegefeste Sandwichstrukturen, zum Beispiel für chrashrelevante Bauteile.